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"Kreisbau wird 'zersägt'" - An diese Schlagzeile in der stz vom 29. Juni 1990 können sich Harald Kössel und Eckard Dietsch noch gut erinnern. Damals ging es am Stammsitz, in der Krötengasse 10, ziemlich turbulent zu. Um die 300 Beschäftigte in verschiedenen Betriebsteilen bangten um ihren Job, in Versammlungen ließen sie ihren Sorgen und Ängsten freien Lauf, die Leitungsetage musste sich unangenehmen Fragen stellen.
Recht bald nahm die Treuhand das Heft des Handelns in die Hand. Fredy Wagner, kommend vom Wohnungsbau, wurde als vorläufiger Geschäftsführer eingesetzt. Ein Großteil der Belegschaft strebte allerdings ein Management By Out an, sie wollten "ihren" Betrieb selbst kaufen und aus Eigenmitteln finanzieren. "Alle wollten etwas bewegen, sich finanziell an der Firma beteiligen", blicken Kössel und Dietsch zurück. Letztlich waren es drei ehemalige Kreisbauleute und ein "Betriebsfremder", die als die Gründer der Schmalkalder Bau GmbH in der Chronik stehen: Eckard Dietsch, Harald Kössel, Bernd Amborn und Fredy Wagner. Heute vor 20 Jahren wagten sie mit ihrer Unterschrift unter den Gesellschaftervertrag das Abenteuer Marktwirtschaft - und das einen Tag vor der Währungsunion.
Die Startbedingungen waren alles andere als ideal: Grund und Boden gehörten der Treuhand. In Lohn und Brot standen zirka 220 Mitarbeiter in fast allen Bau- und Ausbaugewerken. Ausstattungsgrad und Zustand der vorhandenen Baugeräte, Technik und Werzeuge waren katastrophal. "Wir hatten zwar jetzt ein eigenes Unternehmen, aber keine Aufträge", denkt Eckard Dietsch an jene Zeit zurück. Der Dipl. Bauingenieur war damals gerade mal 29 Jahre jung, Partner Harald Kössel, ebenfalls Dipl.-Bauingenieur, 40 Jahre alt. Um das "Rad in Bewegung zu bringen" bedurfte es reichlich Mut, Risikobereitschaft, Durchsetzungsvermögen, Optimismus - und eine Portion Glück. Zunächst beschlossen die Gesellschafter, die noch bei der Treuhand verbliebenen Vermögenswerte, wie Grund und Boden, zu kaufen. Doch alle Anträge und Konzeptionen wurden abgelehnt. Was den "Ossis" nicht gelang, schaffte ein "Wessi", ein guter, den gab es nämlich auch. Über Umwege hatten die Firmenchefs den Hessen Ernst Landgraf kennengelernt. Dieser erklärte sich bereit, seinen Namen herzugeben und die Anteile zu erwerben. Binnen vier Wochen stand der Notartermin fest. Über den Gesichtsausdruck des Notars, als Landgraf mit den anderen vier Firmengründern in der Kanzlei auftauchte, müssen Dietsch und Kössel heute noch schmunzeln. Letztlich stimmte die Treuhand nach Rücksprache zu, alle fünf Namen unter den Vertrag zu setzen. Das war am 27. August 1991. Landgraf schied, wie vereinbart, 1993 aus der Gesellschaft aus. Und es gab in jener schweren Anfangszeit einen zweiten "guten Wessi", einen Banker, der der Schmalkalder Bau GmbH das Überleben sicherte. Für 3,5 Millionen D-Mark - ein Kredit der Bayerischen Landesbank - konnte die gesamte Firma mit der nötigsten Technik ausgestattet werden. Die zu diesem Zeitpunkt einzig richtige Entscheidung, "wir hatten die modernste neueste Ausrüstung weit und breit", berichtet Dietsch. "Dafür haben wir Gesellschafter mit unserem gesamten Privatvermögen, mit Haus und Hof, gebürgt", ergänzt Kössel. So manche schlaflose Nacht habe er zwar auch heute noch, das sei aber kein Vergleich zu damals, fügt sein Partner hinzu.
Im Rückblick bekommen beide eine Gänsehaut, wenn sie an die seinerzeit eingegangenen Risiken und Belastungen denken: Übernahme von selbstschuldnerischen Bürgschaften, Investitionsverpflichtungen und Arbeitskräftebindung für fünf Jahre (150 Leute), auferlegt von der Treuhand. "Mit unseren heutigen ökonomischen und juristischen Kenntnissen sowie unserem Wissen würden wir dieses Risiko nicht ein zweites Mal eingehen.
Der erste Auftrag verschlug die Bauleute nach Großschwabhausen. Gearbeitet wurde von früh bis spät, die Schlafmatratze lag auf dem Dachboden des Getreidespeichers, ein Lieblingsort für Mäuse. Nach und nach wurden Kontakte zu bekannten und neuen Kunden hergestellt. Die Bau GmbH machte sich als zuverlässiger Partner schnell einen Namen, auch außerhalb des Landkreises Schmalkalden-Meiningen. Vor allem das Vertrauen der öffentlichen Hand in das Unternehmen trug zu seinem Wachstum bei. Profitiert hat dieses natürlich auch von der Goldgräberstimmung und dem Bauboom der 90er Jahre. Großaufträge, wie das Regionale Förderzentrum, das TGF, der Schlachthof, Fleisch- und Wurstwaren oder Waldquell sicherten die finanzielle Basis und damit etwa 120 Arbeitsplätze. "Wir waren halt rechtzeitig an Bord", sagt Dietsch.
Mit dem Bau des neuen Firmengebäudes im Gewerbegebiet Mittelstille/Springstille und dem Umzug wurde im April 1999 ein neues Kapitel aufgeschlagen. Dazu gehört auch die schmerzliche Umstrukturierung im Jahre 2001, bedingt durch die Ende der 90er Jahre eingesetzte Krise in der Baubranche. Der gesamte Ausbaubereich wurde geschlossen, 21 Beschäftigte erhielten die Kündigung. "Wir wollten als reiner Hoch- und Tiefbaubetrieb klare saubere Strukturen schaffen", sagt Dietsch. In jenem Jahr schied auch Bernd Amborn aus der Gesellschaft aus und ging in den Ruhestand, Fredy Wagner verließ 2008 aus gesundheitlichen Gründen das Unternehmen. Von den heute noch 59 Mitarbeitern sind 31 seit 20 Jahren dabei, einige von ihnen waren bereits im Kreisbau tätig. 85 Lehrlinge wurden seit 1990 ausgebildet, 8,5 Millionen Euro in Technik und Gebäudeausrüstung investiert. Ihr wohl größtes Projekt hat die Bau GmbH in Bayern umgesetzt: ein "löffelfertiges" Altenpflegeheim mit einem Investitionsvolumen von 7,8 Millionen Euro.
Erfolg ist der Lohn des Tüchtigen und des Fleißigen, sagen die beiden verbliebenen Gründungsväter. Dazu eine Zahl zum Schluss: Trotz der allgemeinen Krise war das vergangene Geschäftsjahr für die Schmalkalder Bau GmbH eines der wirtschaftlich erfolgreichsten.
Quelle: FW Susann Schönewald |